Mutter ohne Kind - Das Tabu Fehlgeburt und was sich ändern muss
Autorin: Eva Lindner (2024). Verlag: Tropen.
Eva Lindner ist Journalistin. Und betroffene Mutter. Sie musste ihr zweites Kind in der sechzehnten Schwangerschaftswoche ziehen lassen. In ihrem 2024 erschienenen Buch spricht sie offen über diesen Verlust, der sie völlig überrumpelt hat. Und sie erzählt die Geschichte anderer Frauen. So viele Betroffene und viel zu wenig Raum für diese Geschichten. Das möchte Eva Lindner ändern. Über ein traumatisches Erlebnis sollte man sprechen dürfen. Dass ein Verlust des eigenen Kindes - ob plötzlich oder erwartet - weitreichende und prägende psychische Konsequenzen hat, das wird selten ausgesprochen. Wieso eigentlich? Und warum ist die professionelle Betreuung Betroffener gerade in der Frühphase so mangelhaft?
Es ist vieles im Argen, wie Lindner hervorhebt. Es fängt beim Vokabular an. Eine Fehlgeburt ist ein Fehler. Der Mutter? Oder ist es das Kind? Es gibt Alternativen (Stille Geburt, kleine Geburt). Dann ist da der Abort. Wie ist es möglich, dass man solche Worte kreiert, um über ein so schmerzhaftes Ereignis zu sprechen? Wie kann man die Beziehung zwischen Mutter und Kind so so beschreiben? Es sind die andern, die so sprechen. Sie haben es nicht erlebt. Oft sind es auch die Männer in unserer Gesellschaft, meint sie. Lindner nennt es einen männlichen Blick auf ein weibliches Ereignis. Ihr Buch ist ein feministisches Werk. Sie will die Frauen gestärkt und gerecht behandelt sehen.
Dies wird erschwert durch ein Aufeinanderprallen von Welten. Im Bekanntenkreis, in der Arztpraxis, im Spital. Alltag für das medizinische Personal einerseits Ausnahmezustand, tiefe Trauer und Bodenlosigkeit für die Eltern andererseits. Dringend nötiges interdisziplinäres Zusammenarbeiten gelingt nur selten. Und die Eltern werden nicht selten unvollständig über ihre Optionen aufgeklärt.
Als bedenklich schildert Eva Lindner politische Entwicklungen in Deutschland und den USA. Neue Gesetze, die den Frauen den Zugang zu geburtseinleitenden Medikamenten im Falle einer stillen Geburt praktisch verunmöglichen oder ein medizinisch indiziertes Einleiten der Geburt eines noch lebenden, aber nicht lebensfähigen Kindes unter Strafe stellen.
Eva Lindner erzählt neben ihrer eigenen die Geschichte 10 weiterer Frauen, für die das Leben und der Verlust unterschiedliche Herausforderungen bereithielt. Sie hat viel recherchiert und liefert auch den Kontext. Die präsentierten Fakten sprechen, genauso wie die individuellen Schicksale, eine deutliche Sprache und hinterlassen bei mir als betroffene Leserin Schrecken, Unverständnis und Leid. Nicht allen betroffene ging es so, wie den Frauen in Lindners Buch. Vieles hat sich verbessert, jedenfalls in der Schweiz, und viele von uns haben wertvolle Unterstützung erfahren. Trotzdem: Es bleibt noch viel zu tun, um die Situation weltweit für betroffene Familien und vor allem Mütter würdevoller und erträglicher zu gestalten. Lindners Werk kann aufzeigen, wo wir uns einsetzen können. Auch als Betroffene, die eine Veränderung bewirken wollen.
Es ist okay, wenn du traurig bist – ein Trauerjournal
Autorin: Megan Devine (2021). Verlag: mvg.
Sprache: Deutsch (übersetzt von Martin Bauer). Taschenbuch: 208 Seiten.
ISBN: 978-3-7474-0325-9
Die Autorin und Trauerbegleiterin Megan Devine stellte letztes Jahr ein Trauertagebuch zusammen, das auf ihrem Buch Es ist okay, wenn du traurig bist (erschienen 2018, ebenfalls im mvg Verlag) basiert.
Das Journal vereint gekürzte Erklärungen aus ihrem früheren Buch mit praktischen Übungen, wobei letztere den Hauptteil ausmachen. Sie reichen vom Lokalisieren der Trauer im Körper über das Erforschen unterschiedlicher Aussenperspektiven oder dem Personifizieren der Trauer bis hin zu freien Schreibübungen, zum Beispiel zur Wut «Natürlich bist du…». Devine ermutigt auch dazu, Collagen zu unterschiedlichen Themen zu erstellen oder Helfer zu ersinnen, ganz nach dem Geschmack und den Bedürfnissen der trauernden Person. Mit diesen imaginären Helfern kann man sich anschliessend fragen, welche realen Angehörigen und Freunde denn wie unterstützen sollen und können.
Megan Devines Anregungen begleiten durch die verschiedenen Phasen der Trauer und sie teilt die Übungen in drei Kapitel: «Anfang», «(Eine Art) Abenteuer» und «Rückkehr». Diese grobe Einteilung ergibt Sinn, denn die «Alltagsprobleme» der ersten Wochen nach dem Verlust unterscheiden sich von den Herausforderungen, denen die Trauernden sich Monate später stellen müssen. Losgehen kann die einfühlsame Reise mit diesem Journal früh nach dem Verlust, denn bereits in dieser Anfangsphase hilft Megan Devine uns zu verstehen, wie sehr Trauer sich auch körperlich manifestiert. Es gelingt ihr auch, die unglaubliche Breite der «normalen» Reaktionen aufzuzeigen und so die Trauernden in ihrem Weg zu stärken.
Die ansprechenden Illustrationen von Naya Ismael tragen bedeutend dazu bei, dass der Leser sich angeregt fühlt, das Journal aktiv mitzugestalten, zu schreiben, Listen zu erstellen, zu kleben und zu malen. Die Eingeladenen, das sind grundsätzlich alle Trauernden, nicht nur Eltern, die ein Kind früh gehen lassen mussten. Nicht jede Aufgabe mag einem ansprechen oder nützlich erscheinen, und manchmal braucht es Überwindung, sich zu öffnen und Neues auszuprobieren. Jeder Weg und jedes Tempo durch die Trauer und durch das Buch darf sein. Die Textpassagen sind dicht und kurz, die Erklärungen dienen dem Einordnen und Verstehen des Erlebten. In erster Linie ist für die Arbeit mit der eigenen Trauer Platz. Für so viel Arbeit, wie eben gerade geht.
Wer bereit ist, sich aktiv mit der eigenen Trauer zu beschäftigen, der findet eine verständnisvolle und hilfreiche Hülle für die eigenen Gedanken, Gefühle und kreativen Auseinandersetzungen.
Einen Einblick ins Buch gewährt die Leseprobe (zuletzt besucht am 25. Januar 2023). Zu bestellen beim Verlag direkt oder im Buchhandel.